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Stadtarchiv - Verbundarchiv

Das gute Gedächtnis der Stadt

Im Stadtarchiv lagern wertvolle Dokumente, die zurück bis ins Jahr 1346 reichen - Verbundarchiv für Gemeinden aus drei Landkreisen und zwei Bundesländern
Aus dem Stadtarchiv (unten) kommt auch das Eberbacher Geschichtsblatt.

März 2012
Von Rainer Hofmeyer

Eberbach kann sich glücklich schätzen. Viele Zeugnisse der Stadtgeschichte sind schon vor Jahrhunderten gesichert worden und heute noch heil erhalten. Selbst der Dreißigjährige Krieg und die Bombenangriffe der Amerikaner auf die Innenstadt im letzten Weltkrieg haben dem Stadtarchiv eigentlich nichts anhaben können. Seit einigen Jahren liegen die geschichtlichen Werte Eberbachs für die Zukunft gut behütet in einem Zweckbau in Pleutersbach. Dort finden sich auch einige besondere Raritäten.


Die Stadt hat mehr als einmal großes historisches Glück gehabt, zumindest was das Archiv der Bürgerschaft betraf. Als im Dreißigjährigen Krieg im Herbst 1634 nach der Nördlinger Schlacht 400 kaiserliche Reiter Eberbach ausplünderten, kam zu einem unmittelbaren Angriff eines Landsknechts auf das Leben des Ratsschreibers. Der konnte immerhin noch abwehren und ein aufgeschlagenes dickes städtisches Buch* gegen den Aggressor richten.

Der Rest der Attacke ist Teil der gerne erzählten Eberbacher Stadtgeschichte: Der Hieb mit dem Fausthammer traf die Seiten des Buches, der städtische Schreiber überlebte. Jahre hinterher wurde das Ereignis auf genau jener beschädigten Seite niedergeschrieben. Dass die kaiserlichen Räuber laut dieser Reportage noch 24 silberne Becher mitgehen ließen, kann man aus heutiger Sicht verschmerzen. Schließlich ist das Buch, das wohl erst später mit einem Einband mit der Jahreszahl  1551 versehen wurde, noch wohlerhalten im Stadtarchiv und listet von 1603 bis 1884 akribisch alle Einbürgerungen in der Stadt auf.

Und Eberbach hat noch ein zweites Mal Glück gehabt. Im letzten Weltkrieg flogen die Amerikaner Bombenangriffe gegen die historische Altstadt. Nicht einmal 60 Meter Luftlinie vom damaligen Lager des Stadtarchivs im Haspelturm entfernt, schlugen die Bomben ein. Auch diese brennenden Gefahren hat das Archivgut unbeschadet überstanden. Da hätte das Binnenklima im altertümlichen feuchten Turm am Lindenplatz den wertvollen  Unterlagen und den vielen historischen Kleinigkeiten schon eher zusetzen können.

Stadtarchivar Dr. Rüdiger Lenz, studierter Historiker und Diplom-Verwaltungswirt,  kann heute stolz sein. Nicht nur, dass er in dem 1988 im Stadtteil Pleutersbach neu errichteten Archivgebäude beste Arbeitsbedingungen vorfindet und das historische Material dort zukunftssicher geschützt ist. Lenz hat auch aus vielen vergangenen Zeiten mehr in seinen Regalen als so mancher seiner Berufskollegen, zum Beispiel aus der Nachbarschaft.

Denn die alten Eberbacher kümmerten sich schon im Spätmittelalter um ihre Urkunden. Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges ließen heimischen Uraltvorderen die damals vorhandenen älteren Akten in einer eigens ausgelagerten Sammlung verwahren. Die Stadt verfügt darüber hinaus heute noch über Pergament-Urkunden, die bis in 14. Jahrhundert zurückreichen.

Der einstige Bürgermeister Dr. John Gustav Weiss war nicht nur ein praktizierender Stadthistoriker und hat das inzwischen älteste badische Geschichtsblatt ins Leben gerufen. Er ließ um 1910 auch die Eberbacher Archivbestände nach speziellen Gesichtspunkten ordnen, den größten Teil im Haspelturm sichern, andere Unterlagen in feuergeschützten Räumen unterbringen.

Das Haspelturm-Archiv wurde 1977 aus seiner teilweise modrigen Umgebung in die freigewordene Volksschule im Stadtteil Pleutersbach umgelagert. Mitte der 1980er Jahre wurde dann am Schulhaus ein moderner Zweckbau angesetzt. Auf mehrere Stockwerken sind die bewunderten Stücke verteilt. Um das gute Gedächtnis der Stadt auch weiterhin für die Nachwelt erhalten zu können, kümmern sich seither hauptamtliche Angestellte um die Schätze. Derzeit unterstützt sie ein Mitarbeiter aus Neckarsteinach.

Ein historisches Stadtarchiv zu erhalten, ist in Deutschland gesetzliche Pflichtaufgabe der kommunalen Selbstverwaltung. Archivgut wird nach mehr oder weniger einheitlichen Richtlinien erfasst und verwahrt. Aber nicht nur deshalb ist es den Eberbacher Archivmitarbeitern möglich, die gesuchten Stücke auf Anhieb zu finden. Mit so manchem gefragten Exemplar ist das Archiv-Team so vertraut, dass es dieses auch ohne große Recherche in den städtischen Computern auftreibt.

Die älteste Urkunde, den ältesten Zunftstempel, die älteste Stadtrechnung, das älteste Ratsprotokoll. Das amtliche Erinnerungsvermögen der Stadt Eberbach ist gut intakt. Wenn man aber im einen oder anderen Fall das allerälteste Fundstück über die Eberbacher Geschichte oder Berichte über besondere Ereignisse entdecken  will, dann wird man sich vielleicht an andere Archive wenden müssen. Schließlich ist Eberbach auch in den Urkundensammlungen seiner jeweiligen Landesherren verzeichnet gewesen. Und deren Unterlagen sind zu ihren staatlichen Rechtsnachfolgern gewandert.

Das Kurpfälzer Material liegt folglich im Generallandesarchiv in Karlsruhe, genauso wie die badischen Akten. Es gibt ein privates Leiningisches Archiv mit Eberbacher Unterlagen. Und aus der Zeit, als Eberbach noch reichunmittelbar war, hütet sogar das Bayerische Staatsarchiv in Augsburg einen Hinweis auf die frühere Reichsstadt. 

Ein die Eberbacher fesselndes Gerichtsurteil findet sich denn auch nicht im eigenen Stadtarchiv. Der Kuckucksprozess wurde am Eberbacher Zentgericht ausgefochten, das der kurpfälzischen Aufsicht unterlag. Ohne diese Sache wären die Neckarstädter, rechtsseits des Flusses, keine Kuckucke und der all so beliebte Jahrmarkt im August hieße bestimmt auch anders. Der Urteilstext vom 8. Januar 1605 ist vor knapp zehn Jahren in Beständen des Generallandesarchivs in Karlsruhe entdeckt worden. Ebenso in Karlsruhe liegt die älteste Kaiserurkunde mit Bezug zu Eberbach: Die Verpfändung der Reichstadt 1330 an die Kurpfalz. Wer nach dem wirklich ersten Hinweis auf die Stadt sucht, der findet Eberbach im Bayerischen Staatsarchiv Augsburg, im Reichssteuerverzeichnis von 1241.

Nichts ist so wertvoll wie das Original. Aber vor allem auch aus Gründen von Schutz und Sicherung werden viele Bestände heute digitalisiert, so auch in Eberbach. Zwischen den einzelnen Archivträgern findet ein digitaler Austausch statt.  Immer wieder kommen neue Erinnerungen hinzu. Im Stadtarchiv freut man sich selbstverständlich auch über Schenkungen von Bürgern, dokumentarische Sammlungen aus Stadt und Familie.

Erläuterung: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde dem Angreifer ein Aktenbündel entgegengestreckt, das mit dem Hieb beschädigt wurde. Dieses Bündel wurde erst später in einen Einband gebunden.

Was sich im Stadtarchiv verbirgt

Von der Eberbachs als Reichsstadt, Zeit ihr Wechsel zwischen den Herrscherhäusern von Kurpfalz, Leiningen bis Baden – im Stadtarchiv belebt sich vieles beim Lesen wieder neu. Regionalgeschichte, lokale Chronik über Neckar, Odenwald, Stadt, Wald und Forst, selbst die Geschichte der Vertriebenen, die nach dem Krieg hier eine neue Heimat gefunden haben - das Andenken ist groß, das in den Regalen und Kartons schlummert.

Privilegien und Bestätigungsbriefe, Verträge und Kaufbriefe der Stadt Eberbach, Gültbriefe, Schadlosbriefe der Stadt Eberbach wegen geleisteter Bürgschaften, Alte Schuldbriefe , Konvolute alter Briefschaften, Erbverteilungsakten, Gerichtsprotokolle, Vormundschaftsrechnungen - all das listet der Stadtarchivar im Einzelnen als Archivalien auf. Rats- bzw. Gemeinderatsprotokolle gibt es seit 1575.

Erfasst werden bereits ab 1429 in Eberbach und sind noch vorhanden: Zentrechnungen, Zinsbücher, Bürgermeister- und Baumeisterrechnungen, Heimberger-, Almosen-, Armenhaus-, Gutleut-, Wächtermeister-, Vormundschafts-, Mühl- und Speichermeister-, Bau- und Mühlrechnungen, Kriegskosten-, Schul- und Schulpfründerechnungen. Begriffe und Berufe, mit denen man heute kaum noch etwas anfangen kann.

Gerade die Handwerker in Eberbach waren es, die früh und gut organisiert waren. Allein die Liste der Berufe, die es heute hier gar nicht mehr gibt, ist recht lang: Flößer, Fischer, Küfer, Bierbrauer, Reifschneider, Nagelschmiede, Windenmacher und Zirkelhandwerker. Sie haben viel Schriftgut, sogar alte Zunftsiegel hinterlassen.                        


Verbundarchiv

Das Eberbacher Verbundarchiv ist in Deutschland wohl ein einmaliges Modell einer interkommunalen Zusammenarbeit, für Stadt- und Gemeindearchive aus zwei Bundesländern und drei Landkreisen zuständig. Die betreffenden Gemeinden kommen ihren gesetzlichen Verpflichtungen zum Betrieb eines Archivs nach, zahlen einen Beitrag an Eberbach  und sparen im Endeffekt Geld. Für Stadt- und Gemeindearchive von inzwischen zehn Kommunen aus zwei Bundesländern und drei Landkreisen wurde 1993 der Eberbacher Archivverbund ins Leben gerufen.
Gleich von Anfang an waren neben Eberbach auch Hirschhorn, Neckarsteinach, Schönbrunn, Schwarzach und Waldbrunn dabei. 1995 kamen Aglasterhausen und Neunkirchen, 1999 stießen Neckarzimmern und zuletzt 2001 Neckargerach hinzu. Jeweils ein eigenes Archiv zu erhalten und dafür Personal einzusetzen, wäre für die einzelnen Kommunen teurer. Auch Eberbach reduziert mit der gemeinsamen Regelung seine Gehaltsausgaben. Die Lagerkosten in Pleutersbach orientieren sich an der für die betreffenden Archive genutzten Fläche.

Es war die Idee des damaligen Bürgermeisters Horst Schlesinger (1973 bis 1996): gesetzliche Aufgaben erfüllen, durch Zusammenarbeit Steuergelder sparen und an die Spitze einen befähigten Historiker setzen. Der Spannung zwischen Gemeinderat und Schlesinger in dessen dritter Amtszeit war geschuldet, dass das Gremium diesem Gesamtprojekt erst unter Nachfolger Bernhard Martin zustimmte.

Die Überlieferung der einzelnen Archive des Archivverbunds setzt ein: bei Eberbach und Hirschhorn im 14. Jahrhundert, bei Neckarsteinach, Neckarzimmern und Schönbrunn im 16. Jahrhundert, bei Aglasterhausen und Neunkirchen im 17. Jahrhundert sowie bei Schwarzach, Neckargerach und Waldbrunn im 18. Jahrhundert. 

Hans, Albrecht und Eberhard von Hirschhorn, Ritter, wenden das "Ungeld in Tal und Gericht Hirschhorn", das heißt das Straf- und Bußgeld, der Stadt Hirschhorn zu, befreien die Stadt von Abgaben, bestimmen über den Viehtrieb und erlassen den Bürgern den Frondienst gegen Übernahme bestimmter Verpflichtungen: Eine Pergament-Urkunde darüber von 1392 haben die Hirschhorner dem Eberbacher Verbundarchiv anvertraut.

Sogar das einst selbständige Neckarkatzenbach hat seine überlieferte Geschichte ins Eberbacher Verbundarchiv geschickt. Die Grundherrschaft ging bis 1349 von der Minneburg aus, die heute noch zu Neckarkatzenbach gehört. "Cazenbach" wurde erstmals 1080 als erwähnt. Der 200 Einwohner kleine Ortsteil von Neunkirchen im Neckar-Odenwald-Kreis bringt eine wohlerhaltende Gemeinderechnung von 1601 ins gemeinschaftliche Archiv ein.

Stadtarchivar Dr. Rüdiger Lenz.

Mitarbeiter Lutz Ritter im Zeitungsarchiv.

Das Stadtarchiv hat eine eigene Binderei.

Fotos: Rainer Hofmeyer

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