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Adolf Knecht

Adolf Knecht wurde das erste Eberbacher Opfer der braunen Horden

In Eberbach gab es nur anfangs nennenswerten Widerstand gegen die Nationalsozialisten

Adolf Knecht.

 22. Februar 2018
Von Rainer Hofmeyer

Im Dritten Reich wurden in Eberbach die Nationalsozialisten von der Bevölkerung eher gefeiert oder hingenommen, als dass es einen andauernden nennenswerten Widerstand gegen sie gegeben hätte. In der Übergangszeit zur neuen Macht stemmten sich vor allem noch die linken Parteien gegen die Braunen. Doch als Hitler an der Regierung war, wurden stetig alle öffentlichen Aktionen massiv unterdrückt. Eberbach pries sich sogar als „Hochburg der nationalsozialistischen Bewegung im Odenwald“.

Und aus dem kleinen Nachbardorf Lindach kam auch noch der NS-Gauleiter und Reichsstatthalter in Baden, Robert Wagner, geborener Backfisch - gepriesen als Nachfahre eines „alten fränkischen Bauerngeschlechtes“.

Wo heute im „Querbeet“ in der Bahnhofstraße sich die Eberbacher zum Trinken und Spielen treffen, war im Dritten Reich die örtliche Parteizentrale der NSDAP. Noch vor der sogenannten Machtergreifung am 30. Januar 1933 kam es vor diesem Haus immer wieder zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen KPD-Anhängern, unterstützt von Mitgliedern der SPD, und der SA. Anlass waren die Aufmärsche der Nazis und das Schmieren von Hakenkreuzen auf die Straßen der Stadt, wie Stadtarchivar Rüdiger Lenz 1998 in seiner „Geschichte der Eberbacher SPD“ beschreibt.

Zu offenen Konfrontationen gegen die NSDAP kam es immerhin noch im März 1933, als die aus den Arbeiterparteien und -verbänden organisierte „Eiserne Front“ auf dem Leopoldsplatz eine öffentliche Kundgebung abhielt. Es demonstrierten neben der SPD auch der Arbeitergesangverein und die Freien Turner. Die SA störte die Veranstaltung massiv.
   
Wenige Tage nach dieser Konfrontation kam es zu einem Mord an einem jungen Eberbacher, der auch in der Nachkriegsgeschichte Eberbachs seine sichtbaren Spuren hinterließ, wenngleich auch nur in der Umbenennung einer Straße auf seinen Namen. Der 21jährige Schreiner Adolf Knecht hatte sich am Abend des 8. März 1933 zusammen mit anderen jungen Sozialdemokraten, Mitglieder des Freien Arbeiter-Sportvereins, im Gasthaus Stern in der Hauptstraße getroffen und über die bevorstehende Konfiszierung des Vereinsvermögens durch den Staat debattiert.

Als Knecht gegen 1 Uhr am nächsten Tag mit einem Freund beim Rathaus am Alten Markt eine Hakenkreuzfahne  mit einer Bohnenstange herunterholen will, rückt die SA mit zwei Sturmtrupps an. Die Uniformierten verwickeln die jungen Männer in eine Schlägerei und drängen sie in die Pfarrgasse ab. Adolf Knecht wird angeschossen, in Brust und Bauch getroffen. Mit Fußtritten und Schlagringen wird der am Boden Liegende weiter malträtiert.

Als Knecht später nahe der Neckarbrücke (heutige Neckarstraße) gefunden wird, muss er unter schwierigsten Bedingungen in eine Heidelberger Klinik transportiert werden. Auf dem Flur des Krankenhauses stirbt Adolf Knecht am 11. März an seinen inneren Verletzungen. Es wird berichtet, dass sein Körper mit über hundert Wunden versehrt war.

Spätestens als nach der Beerdigung des jungen Opfers das auf seinem Grab aufgestellte Kreuz auf behördliche Anweisung entfernt werden musste, war den Eberbachern klar, dass selbst subtiler Widerstand gegen die Nationalsozialisten unerbittlich gebrochen würde.



Der an der Aktion beteiligte Karls Salzmann schilderte nach dem Krieg die Vorkommnisse wie folgt:

„Am Abend des 9. März [richtig: 8. März]  trafen sich die Freien Turner im Gasthaus ‚zum Stern‘. Der Stern gehörte damals Martin Jost, welcher Mitglied der SPD war. Zweck des Treffens war die Rückgabe freiwillig eingezahlter Gelder der Mitglieder, um so der eventuellen Einziehung durch die Nationalsozialosten vorzubeugen. Diese Gelder wurden eingezahlt, um Ausflüge zu finanzieren.
Das abendliche Gespräch verlief ohne politische Themen.
Die Entfernung der Hakenkreuzfahne vom Balkon des Rathauses wurde jedenfalls im Lokal nicht diskutiert. Die beiden Freien Turner A. Knecht und K. Salzmann hatten sich allerdings schon vor dem abendlichen Besuch im Stern vorgenommen, die etwa gegen 17 [Uhr] auf dem Balkon des Rathauses am Alten Markt gehißte Hakenkreuzfahne herunterzuholen . Freie Turner waren die sportliche Vereinigung der SPD-orientierten Bevölkerungsschicht .
Gegen 23.30 = 24 [Uhr] betrat der SPD-Stadtrat Theodor Kappes das Lokal mit der Äußerung: ‚Da hockt ihr jungen Kerle und auf dem Rathaus hängt die Hakenkreuzfahne. Soll ich sie euch runterholen?‘ Darauf erwiderte [der Wirt] Martin Jost zu Theodor Kappes: ‚Wie kannst du die Buben zu so etwas verführen, so etwas sagt man nicht!‘
Anschließend verließen einige Freie Turner das Lokal Richtung hinteren Ausgang. Hier wurde lautstark über das Herunterholen der Hakenkreuzfahne vom Rathaus diskutiert. Schließlich gingen Adolf Knecht, Karl Salzmann, Hermann Salzmann (Bruder von K. Salzmann), Leo Maxeiner und ein weiterer Freier Turner, dessen Name sich nicht mehr feststellen lässt, zu dem Haus von Ernst Karl , wo mehrere Harrenstangen standen (… dienten zum Herunterreißen von trockenen Ästen und hatten am Ende einen Haken aus Eisen), Länge 6 - 7 [Meter].
Bei dieser Stange fehlte jedoch der eiserne Haken, sodass K. Salzmann nach Hause in die Obere Badstraße (b. Metzger Leopold) lief, einen Harrenhaken holen wollte, jedoch keinen fand, dafür einen Polstererhammer brachte. Diesen befestigte man an der Stange, und dann gingen Karl Salzmann voran an der Stangenspitze u. Adolf Knecht am Ende der Stange durch das Gässel zwischen den Häusern hinter dem ‚Stern‘ in die Leo-Berger-Straße (heutige Adolf-Knecht-Straße) bei Meichelbeck  in den Pfarrhof und anschließend in die Pfarrgasse in Richtung Gasthaus ‚Engel‘, Hauptstraße, Alter Markt, Rathaus.
An der Hauptstraße angekommen, sah K. Salzmann als erster an der evang. Kirche den [städtischen] Polizisten Frey und Fritz Hofmann (Wirt vom Gasthaus ‚Traube‘) stehen. Fritz Hofmann war SA-Mann.
In diesem Moment näherten sich einige SA-Leute aus dem Weg zwischen Hotel ‚Karpfen‘ und dem Haus Knecht-Leutz (Weinhandlung) und stürzten [sich] auf Salzmann. In dieser Situation stand Salzmann bereits im Bereich Hauptstraße – Alter Markt … [im] ausgeleuchteten Bereich. Die folgenden Minuten waren sehr turbulent. Auf Salzmann schlugen 4 SA-Leute ein, wobei sich der Angegriffene stark wehrte. Die angreifenden SA-Leute waren: Raab-Schmieder-Feiertag u. Georg Sigmund (…) .
Zur gleichen Zeit stürmte eine weitere SA-Gruppe aus 4 Mann bestehend auf Adolf Knecht ein, der noch in der Pfarrgasse in Höhe des Gasthauses ‚Engel‘ im Dunkeln stand. Hier fielen auch die drei Schüsse, welche Knecht verletzten. Die SA-Leute, welche über Knecht herfielen, konnten namentlich nicht festgestellt werden. Nach den Schüssen flüchteten beide Angreifergruppen.
Knecht lief von der Tatstelle in Richtung Weidenstraße und anschließend in die damalige Brückenstraße und schleppte sich bis auf die Höhe des Wohnhauses Nr. 19, wo er auf der Straßenseite der Synagoge ungefähr 20 m vor dieser zusammenbrach.
Salzmann und der zwischenzeitlich hinzugekommene Hans Schreck (Schreiner) suchten Knecht und fanden ihn blutend an der beschriebenen Stelle und trugen ihn zum Rathaus. Der zur ersten Hilfeleistung hinzugezogene [Allgemeinarzt] Dr. Metz [Kaiser-Wilhelm-Straße, heutige Friedrich-Ebert-Straße] stellte folgende Verletzungen fest:
1 Durchschuß in der rechten Hüfte
1 Durchschuß in rechter Brust
1 Schußverletzung an rechter Daumenspitze
Vom Rathaus (Polizeiwache) wurde der Verletzte unmittelbar in [die] Universitätsklinik nach Heidelberg überführt. Er erlag seinen Verletzungen am 11.3.33"





Foto/Repro: Rainer Hofmeyer
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