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Eberbacher Heilquelle


Das älteste mitteleuropäische Heilwasser ist abgedreht

Eberbach war einmal Luftkurort mit Heilquellen-Kurbetrieb – Aber zum „Bad“ reichte es nicht
Die Kuranlage lockt in der Sonne.

September 2012
Von Rainer Hofmeyer

Unter Eberbach steht das in West- und Mitteleuropa älteste Heilwasser. Aber ein 1956 gestarteter Kurbetrieb erwies sich Mitte der 1990er-Jahre als unrentabel. Die Brunnen wurden abgestellt, das Kurmittelhaus verkauft, aus dem "Kurhaus" wurde wieder die "Stadthalle".

Da träumte man ab den 1950er-Jahren sogar schon vom "Bad" vor dem Namen - Bad Eberbach am Neckar. Heilwasser war in der Stadt erschlossen worden. Es gab ein Kurhaus mit Trinkbrunnen, Kurmittelhäuser mit Inhalationen und Wannenbädern, in der Stadt schmückten zwei niedergelassene Mediziner ihre Praxisschilder mit dem Zusatz "Badearzt". Gesundheitssuchende von überall taten sich in der Kleinstadt am Neckar Gutes. 

Es waren noch die Zeiten, als das städtische Verkehrsamt regelmäßig jährlich steigende Übernachtungszahlen meldete und es in Eberbach eine eigene Kurverwaltung gab. Es waren die Jahre, als Eberbach als "Luftkurort mit Heilquellen-Kurbetrieb" im Bäderverzeichnis stand. Weder die gute Luft im Sinne der Verordnung gibt es heute, noch fördert heuer eine der einstmals zwei Tiefbohrungen auch nur einen gesunden Tropfen an die Oberfläche .

Dabei ist das Wasser für diese abgedrehten Brunnen eine Rarität. Zumindest vom Alter her wird es in West- und Mitteleuropa nirgendwo überboten. Mit einem nachgewiesenen Ursprung von vor rund 200 Millionen Jahren wird Eberbachs flüssiger Schatz altersmäßig nur in Osteuropa übertroffen. Die Geologen ordnen die Schicht des heimischen Heilwassers dem Erdzeitalter Zechstein zu, es hat ausgeprägte Salzablagerungen.

Zufall hätte es eigentlich nicht sein dürfen, als das Eberbacher Heilwasser 1947 neu entdeckt wurde. Im Hof der früheren Eberbacher Rosenbrauerei in der Alten Dielbacher Straße suchte man nach ganz normalem Wasser für das heimische Bier. Aber aus dem Bohrloch kam nur eine salzige Brühe. Also ließ Brauereibesitzer Karl Knauber das Vorhaben gleich wieder einstellen. 

Denn dass es irgendwo in Eberbach Heilwasser geben musste, hätte ein gezielter Blick ins Stadtarchiv gezeigt. Der Medicus Georgius Marius hatte bereits 1584 von der heilenden Wirkung des Eberbacher Wassers berichtet. Und diese Schrift liegt noch heute im Original vor. Sogar schon zwölf Jahre vorher, 1572, hat der Basler Gelehrte Leonhard Thurnheysser zum Thurn vom Eberbacher Heilbrunnen geschrieben.

Es wird vermutet, dass es im Schafacker sogar eine offene, also oberirdische Quelle gab, aus der "dies wässerlein" floss. Vieles spricht dafür, dass das gesunde Nass schon im Mittelalter zu regem Badebetrieb in Eberbach geführt hat. Eine Bodenprobe aus dem Alten Badhaus, bei der Sanierung gewonnen, zeigte sogar mineralische Spuren in einer ähnlichen Zusammensetzung wie das Heilwasser. 

Ein Eberbacher Arzt aus der jüngeren Zeit erkannte gleich, dass die alte Erwerbsquelle nicht ungeschöpft bleiben sollte. Dr. Ernst Hartmann war nicht nur praktizierender Allgemeinmediziner, er war auch Geobiologe, ein sehr rühriger Mensch und später auch Badearzt. Im Jahr 1955 ließ Hartmann an besagter Stelle bei der Rosenbrauerei eine neue Bohrung niederbringen. In rund 55 Meter Tiefe wurde die stark salzige Quellader erschlossen. Die Expertise ergab den Quelltyp Natrium-Calcium-Chlorid plus Brom.

Es fügte sich, dass der damalige Bürgermeister Dr. Hermann Schmeißer erkannte, dass Eberbach mit seiner fast staubfreien Lage im Odenwald und eben diesem Heilwasser ein geeigneter Flecken einen Kurbetrieb sein könnte. Und gerade war man auch beim Bau einer Stadthalle, die den Eberbachern ein Zentrum für ihre Zusammenkünfte werden sollte. 

Bei der Grundsteinlegung 1955 noch eher als Veranstaltungsort gedacht, wurde aus dem schlicht-schönen Bau wenig später ein Kurhaus draus. Im Nieren-Stil der 1950er Jahre baute man im luftigen Foyer eine Brunnentheke auf, aus der man das Eberbacher Wasser für Trinkkuren abfüllen konnte. 

Das Anziehungsbild im Vorraum, das Werkstein-Relief "Heilende Wasser" der Krösselbacher Keramikerin Cläre Schließler, wäre heute ein geschütztes Zeichen der damaligen Zeit. Inzwischen abgenommen, hinterlässt es in der heutigen "Stadthalle" einen Raum von kahler, hübsch-hässlicher Funktionalität. Das Relief mit Brunnen wurde 1986 beim Umbau vernichtet.

Eberbach wurde ganz offiziell "Ort mit Heilquellen-Kurbetrieb", trat an Neujahr 1961 dem Deutschen Bäderverband bei. Bade-, Trink-, Inhalations- und Mundkuren wurden beworben. Am Itterberg gab es zeitweilig einen Terrainkurweg, und an der Neckarfront wurde von Kurhaus bis Berufsschule ein Kurpark angelegt, optisch abgeschlossen durch den heute noch funktionierenden runden Springbrunnen.

Die Werbung wurde noch effektiver, als sich Eberbach sogar mit dem Prädikat "Luftkurort mit Heilquellen-Kurbetrieb" schmücken konnte. Denn die Luft im Odenwald war ohnehin gut. Und in heißen Sommern fuhren sogar Sprengwagen mit Wassertanks durch die Stadt, die auch den letzten Staub auf den Straßen binden sollten.

Bei einem einzigen Heilbrunnen ist es in Eberbach nicht geblieben. Im Karlstal am Itterberg eine wurde 1964 weitere Schüttung erschlossen, fast mit gleicher Zusammensetzung wie beim Bohrloch Nummer 1. Jetzt sollte der Eberbacher Aufschwung wirklich nicht mehr versiegen. 

Es firmierte sogar eine Eberbacher Heilbrunnen GmbH - mit den Gesellschaftern Stadt Eberbach, Rosenbrauerei und Dr. med. Ernst Hartmann. Im April 1969 träumte man wirklich von „Bad Eberbach“ – und das schon „in absehbarer Zeit“. Da wurde das Kurheim in der Bussemerstraße in der ehemaligen Volksbank untergebracht. Mit 15 Gästen war allerdings das Haus schon voll belegt.

Das Heilwasser wurde vom Gelände der Brauerei durch die Stadt ins Kurhaus geliefert. Weitere Leitungen liefen zur Bussemerstraße ins alte Städtische Badewannenhaus und später ins neue Kurmittelhaus in der Kellereistraße. 
Das außen kleinteilig strukturierte Haus hatte dort der Eberbacher Architekt Herrmann Rumstadt in seinem unverwechselbaren Baustil gezeichnet. Der zweite Bürgermeister der Kurstadt-Periode Horst Schlesinger setzte es gegen teilweise erheblichen Widerstand im Gemeinderat durch. Die hitzige Debatte zum neuen Gebäude für Kurmittelhaus und Kurverwaltung im Stadtparlament vom 19. Oktober 1976 würde heute jeder Redeschlacht im Bundestag den Rang ablaufen. 

Schlesingers Vorgänger Dr. Schmeißer wollte ein neues Rathaus am Pulverturm, das bis an die B 37 reichen sollte. Die Eberbacher waren strikt dagegen. Die Fläche musste anderweitig städtebaulich genutzt werden. Am Ende passierten Schlesingers Pläne ohne Abstriche die Abstimmung. Statt Rathaus gab es neues Kurzentrum in der Kellereistraße. Amts-Vorgänger Schmeißer wollte seine Kur übrigens auf der linken Neckarseite, in der Au. 

Die Zahl der in Eberbach angekommenen Kurgäste stieg bereits ab 1956 kontinuierlich an. Aber man blieb immer im bescheidenen Bereich: 1965 wurden 882 Kurgäste gezählt, 1967 waren es 1 053. Die Spitzenwerte lagen 1969 bis 1973 bei knapp 1500 - im ganzen Jahr.

Drei Wochen Jubiläums-Pauschalkur kosteten 1984 zur Feier "400 Jahre Eberbacher Heilbrunnen" 1010,-- Mark mit Unterkunft in Privatzimmern. Im Hotel untergebracht, zahlte man 1860,-- Mark. Die Indikationsgebiete der Eberbacher Quelle waren rheumatische Erkrankungen, wenn man sich damit in der Badewanne guttat, und chronische Erkrankungen der Atemwege und Störungen des Magen-Darm-Traktes, wenn man sich den einen oder anderen kontrollierten Schluck gönnte.

Aber auch die Eberbacher tranken ihr Heilwasser. Der heimische Getränkehersteller Wüstenhube füllte in seiner Fabrik am Lauer nicht nur das damalige Kultgetränk Libella ab. Er verzapfte fünf Jahre lang auch das Eberbacher Heilwasser, pur und mit Limonade gemischt. 1961 wurden über 90 000 Flaschen Eberbacher Heilquelle vermarktet. Der Geschmack daran ist den Trinkern allerdings schnell vergangen. Ein Jahr später wurden nur noch 51 000 Flaschen verkauft, die Produktion wurde 1966 eingestellt.

Bundessozialminister Norbert Blüm ("Die Rente ist sicher!") war mit schuld auch am Niedergang des Eberbacher Kurwesens. Mitte der 1980er Jahre verursachte er eine wahre Reformwelle. Ein Kostendämpfungsgesetz jagte das andere. Die Gesundheit litt am Ende darunter. Ab 1990 wurden die verordneten Kuren kürzer, die Zuzahlungen für die Patienten selbst höher. 

Es gab einen bundesweiten Einbruch bei den Kurstädten. Die Zahl der ambulanten Kuren ging rapide zurück. Rehabilitation war dagegen immer mehr angesagt. Eberbach nahm den Abschwung mit. Mit den nächstgelegenen Heilbädern mit Thermalbetrieb konnte die Stadt ja schon von Anfang an nicht konkurrieren. Zum Prädikat "Bad" fehlten entsprechende Kur-Einrichtungen und zusätzliche Hotelbetten. Der heimische Kur-Betrieb wurde immer mehr zum Zuschuss-Betrieb. 

Hatte Bürgermeister Schlesinger 25 Jahre zuvor dem Kur-Projekt seines Vorgängers Fahrt gegeben, trat er jetzt auf die Bremse, legte sogar den Rückwärtsgang ein. Anfang 1994 stellte die Kurverwaltung Eberbach GmbH ihr eigenes Angebot ein. Am 26. September 1996 entschied der Gemeinderat, das Prädikat "Ort mit Heilquellen-Kurbetrieb" zurück zu geben. Die Auszeichnung "Luftkurort" war schon längst vorher im Staub verweht. Der Traum von "Bad Eberbach" war nun gänzlich ausgeträumt. 

Aber das Eberbacher Heilwasser ist ja nicht verloren. Unter der Stadt, im Zechstein, kann es nach über 200 Millionen Jahren ganz gemütlich auf den nächsten Aufschwung Eberbachs warten. Sollte dereinst einer der für einen wie auch immer gearteten künftigen Boom der Kleinstadt Verantwortlichen wegen Arbeitsüberlastung unter Erschöpfungs- und Unruhezuständen leiden, hätte er mit dem Eberbacher Wasser genau das richtige Mittel.

Der Trinkbrunnen im Kurhaus.

Ehemaliges Kurzentrum beim Pulverturm.

Werbung zur Zeit der Kurstadt.

Repros: Rainer Hofmeyer
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