Die Stadtjubiläen 1927 und 1977


Als sich Eberbach gefeiert hat

Festumzug 1977. Foto: Rainer Hofmeyer


November 2023

Rainer Hofmeyer

 

Im Jubiläumsjahr 2027 geht der Blick auch hundert und fünfzig Jahre zurück. Auf die großen Stadtjubiläen 1927 und 1977. 1927 war das letzte Jahr von Dr. John Gustav Weiss als Bürgermeister. Zuvor gab er noch die Neuauflage seiner Eberbacher Stadtgeschichte heraus. Die Feierlichkeiten 1927 waren auf eine Festwoche im Sommer konzentriert. Der Verkehrsverein (heute Bürger- und Heimatverein) hatte weite Teile der Organisation übernommen.


Für große Veranstaltungen stand damals noch die Turnhalle beim Turnplatz zur Verfügung. So trafen sich dort am Freitag, 8. Juli 1927, die Bürgermeister der mittleren Städte Badens zu einem Begrüßungsabend. Am Samstagabend darauf spielten die Eberbacher Laien das Schauspiel „König Heinrich (VII.)“. Bürgermeister Weiss hatte die neun Aufzüge dieses Bühnenwerkes selbst geschrieben. Gespielt wurde die Gründung der Stadt, der Sturz König Heinrichs und die Erhebung Eberbachs zur „freien Reichsstadt“. Hier irrte oder übertrieb Bürgermeister Weiss. Denn eine „freie“ Reichsstadt war Eberbach nie gewesen.


Am Festsonntag 1927 hatte der historische Umzug Aufstellung in der Beckstraße genommen. Um drei Uhr nachmittags wurde abmarschiert. Das Ende des Verlaufes war am Lauer; der war bis in die 1950er-Jahre der Eberbacher Festplatz schlechthin. 35 Gruppen zogen durch die Stadt. In den Aufmarschlisten finden sich Teilnehmervereinigungen, die inzwischen längst vergessen sind: Der Evangelische Mädchenbund, der Evangelische Männer- und Arbeiterverein, die Gesangvereine Harmonie und Einheit, der Katholische Männergesangverein, der Odin-Verein, der Pionierverein, die Casinogesellschaft, der Radfahrerverein Pfeil, der Veteranenverein, der Kriegerverein und der Kanonierverein. Selbst die Bäckerinnung und die Fleischerinnung gibt es heute nicht mehr in der damaligen Form. Am Lauer war ein großes Festzelt aufgebaut, indem man sich unmittelbar nach dem Umzug traf.


Damit war der Festsonntag aber noch nicht zu Ende. Um neun Uhr abends startete ein Fackelzug durch die illuminierte Altstadt in Richtung Neckar. Um zehn zündete ein großes Feuerwerk auf der Neckarbrücke und am Neckarufer beim Brockenhof. Wer wollte, konnte sich bei den heimischen Werften Boote reservieren, die mit Lampions durch eine „Italienische Nacht“ fuhren. Die Feuerwehrkapelle spielte dazu vom Festschiff aus.


Rund um die großen Veranstaltungen der Stadtgemeinde gab es 1927 noch einige Ereignisse und Veranstaltungen, die unter der Regie von Vereinen waren. Der Arbeiter-Gesangverein brachte mit der Vorstellung in der Turnhalle „s‘ Müllers Liessel von Wald-Michelboch“ Odenwälder Alltagsbräuche zur Aufführung. Es traten Mitglieder des Gesangsvereins „Einheit“ auf. Der Landesverein Badische Heimat aus Freiburg im Breisgau belehrte die Eberbacher an mehreren Tagen mit Vorträgen bei einem „Heimatkurs“ im Städtischen Lichtbildsaal an der Ecke der Brühlstraße, dort wo später das Lichtspielhaus „Burgtheater“ war. Von „Badischen Hochzeitsbräuchen“ über „Volkskunst im badischen Frankenland“ bis hin zum „Pfälzer Volkscharakter“ gingen die Unterweisungen. Bleibt noch nachzutragen, dass es am 16. Juli Reichsjugendwettkämpfe und im Neckarbad ein Wettschwimmen gab. Abends stieg ein Burgfest bei der Burgruine mit einem anschließenden Lampionszug hinunter zur Stadt. Die Burg war in der Amtszeit von Bürgermeister Dr. Weiss freigelegt worden.


Als Dr. John Gustav Weiss 1927 in den Ruhestand ging, verlieh ihm Eberbach die Ehrenbürgerwürde.


Im Jahr 1977 wurde das 750-jährige Jubiläum unter dem späteren Ehrenbürger Bürgermeister Horst Schlesinger ebenfalls groß begannen. Auch hier war der Höhepunkt eine Festwoche. Es herrschte eine lokalpatriotische Begeisterung in Eberbach, wie man sie in den Jahrzehnten danach nicht mehr erlebt hat.


Ein Altstadttreiben als erster Knalleffekt am Samstag, 21. Mai 1977, und ein Festzug zum Ausgang am Tag darauf brachten die Stadt aus dem Häuschen – bei gutem Wetter. Zwei Jahre Vorbereitungszeit hatten sich gelohnt. Es war eine historische Selbstdarstellung der Eberbacher. An jedem Haus flatterte eine blau-weiße Stadtfahne.


An allen Ecken und Enden der Altstadt waren Stände aufgebaut, wurden kleine Geschichten aus der Vergangenheit dargestellt. Selbst in der damaligen Baustelle des Alten Badhauses freuten sich die Einheimischen über eine gelungene Veranstaltung. Eine Schafherde zog durch die Gassen. In der Kuckuckswirtschaft saß man bei einer gebratenen „Taube“. Es gab noch Wein vom Schollerbuckel. Neckarfische wurden verspeist. Römische Legionäre kreuzten badische Revoluzzer. Fahrendes Volk trieb durch die Gassen. „Eberbach übertraf sich selbst“, titelten die Zeitungen.

Dann der zweite Höhepunkt am Sonntag: Ein überdimensionaler Umzug mit Motiven aus Eberbachs Historie schlängelte sich durch die Innenstadtstraßen.


Viele Ehrenamtliche hatten sich ins Zeug gelegt. Selbst die eben erst dazugekommenen Stadtteile waren tatkräftig dabei. Alle Vereine machten mit. Konfessionelle Gruppen, Schülerschaften, Firmen, Pfadfinder, Jäger, Privatleute. Sogar die Bundesbahn stellte einen Motivwagen. Uhrmacher Braun, Steinmetze, Flößer, Reifschneider, Fischer, Treidelschiffe, Kettenschlepper, König Heinrich, Stadtbrand, Pest und Pfalzgraf, Eberbach als Universitätsstadt, das „Kirchel auf dem Hebart“– über zwei Stunden lang zogen historisch gekleidete Eberbacher durch die Straßen. Der Aufmarsch war so lang, dass sich die Spitze des Zuges mit den letzten Wagen kreuzte und es zu einem Stau der Eberbacher Geschichte am Neuen Markt kam.


Die Euphorie nach dem gelungenen Jubiläum von 1977 war groß. Eberbach schien auf dem aufsteigenden Ast. Zur wirtschaftlich gesunden Lage sollten auch noch Spaß und Vergnügen kommen, bürgerlicher Zusammenhalt und das Ziehen an einem Strang. Es gab eine Aufbruchstimmung in der Stadt, bei der der „Eberbacher Frühling“ als kleine Wiederholung des historischen Altstadttreibens aus der Taufe gehoben wurde.


Neuer Text